Eine grenzüberschreitende Reise im Jahre 1947

Gretl Kirschner, geb. Rolletschek (aus Gießhübel)

Im Frühjahr 1947 erfuhren wir endlich, wohin unsere Verwandten aus Schlesien nach dem Krieg vertrieben worden waren. Sie hatten uns über das Rote Kreuz gesucht und teilten uns mit, daß sie im Hochsauerland eine Bleibe gefunden hätten. Die Freude bei uns allen war groß, denn wir wußten nun, daß sie die Vertreibung gesund überlebt hatten. Leider trennte uns wieder eine Grenze so wie bereits bis 1939 die deutsch-tschechische und von 1945-1946 die tschechisch-polnische. Wir wohnten nun in Mecklenburg, und die Zonengrenze von Ost nach West war nicht legal zu überschreiten. So überlegten wir hin und her, wie wir es anstellen sollten, uns einmal wiederzusehen.

Im August 1947, es waren gerade große Ferien, erlaubten meine Eltern mir Siebzehnjährigen die weite Reise ins ferne Westfalen. Vater legte mit mir die Reiseroute von Lübeck bis Meschede (Sauerland) fest. Ich packte meinen Rucksack mit ein paar Sachen und mit Reiseverpflegung. Ein größerer Schuljunge aus Schönberg war bereit, mich über die Grenze zu führen; denn er hatte den Weg schon einige Male gemacht und kannte sich aus.

Als wir beiden Wanderer das Grenzwäldchen erreicht hatten, sahen wir auf dem Grenzweg eine russische Streife kommen. Wir warfen uns beide hin und verhielten uns ruhig, bis die beiden Soldaten nicht mehr zu sehen waren. Dann liefen wir über den Weg, einen Pfand hinunter, am Grenzstein vorbei, hinein in den Westen. Mit der Straßenbahn fuhren wir von Schlutup aus zum Lübecker Bahnhof. Hier trennten wir uns. Ich mußte lange auf den Zug warten, der nach Hamburg fuhr. Dort saß ich wiederum die halbe Nacht, bis der Anschlußzug kam; denn es fuhren nur wenige Züge in dieser Zeit. Sie waren so voll, daß man beim Einsteigen die Ellbogen gebrauchen mußte. Junge Leute kletterten durch die Fenster. Im Zuge standen wir wie die Heringe. Gegen Morgen, so erinnere ich mich, fuhren wir durch die Lüneburger Heide. Das Heidekraut blühte gerade. Das machte einen unvergeßlichen Eindruck auf mich. Erst im Jahr 2000 hatte ich bei einer Busreise dorthin das Erlebnis noch einmal.

Auf dem Umsteigebahnhof Schwerte ging das Warten auf den Anschlußzug wieder los. Der Bahnhof war zerstört, aber mit einem Dach versehen. Man konnte sich setzen und sich vor Regen schützen. Wie gut war es doch, daß ich in meinen Rucksack Proviant eingepackt hatte. Es gab nichts zu kaufen. Jeder war auf sich selbst angewiesen.Abends erreichte ich den Zielbahnhof Meschede und mußte dort die Nacht verbringen; denn es fuhr kein Bus mehr nach Bödefeld. Der Bahnhof war voller Menschen. Alle warteten. Nachts patrouillierten belgische Soldaten mehrmals durch das Gebäude. Ich machte mir Gedanken darüber, warum wohl soviel Leute in dieser schweren Zeit unterwegs waren. Es suchten wohl viele von ihnen ihre Angehörigen oder hofften, woanders ein besseres zu Hause zu finden.

Am nächsten Vormittag erreichte ich endlich meine lieben Verwandten nach einer Reise von zwei Tagen und zwei Nächten. Onkel und Tante waren bei einem Bauern untergebracht und mußten für das tägliche Brot und für die Unterkunft arbeiten. Auch ich half bei Erntearbeiten mit.

Nach einigen Tagen reiste ich wieder heim, kam wohlbehalten in Lübeck an und ging auf dem bekannten Weg über die Grenze. Ich wanderte im Wald in Richtung Osten und hoffte, daß ich irgendwo Menschen begegnen würde, die ich nach dem Heimweg fragen konnte. Plötzlich kam ein Fuhrwerk angefahren, worüber ich mich freute. Vom Wagen sprang leider ein deutscher Grenzer, der mich festnahm und mich zur Grenzstation Herrnburg brachte, wo ich nach der Kontrolle meiner Personalien die Nacht festgehalten wurde. Am nächsten Morgen ließ man mich frei, und ich wanderte an der Bahnschiene entlang nach Schönberg und war wieder daheim.

Meinen Eltern sagte ich damals: Laßt uns hier bleiben, den Verwandten dort drüben geht es nicht besser als uns.

Heute, nach 53 Jahren, wundere ich mich darüber, daß mich die Eltern damals ziehen ließen. Ob sie die Weite der Reise und die damit verbundenen Gefahren nicht abschätzen konnten? Oder vertrauten sie mich meinem Schutzengel an?