Treffen der Gießhübler in Rohr/NdB

Nach Vertreibung und Ausweisung in alle Länder der heutigen BRD bestand bei unseren Landsleuten das Bedürfnis, sich zu treffen, sich wiederzusehen, sich mit Schicksalsgefährten auszutauschen. Es boten sich dazu die Sudetendeutschen Tage an, die stets gut besucht waren und auch weitere Treffen an verschiedenen Orten und in verschiedenen Regionen. Aber ein Treffen speziell für die Gießhübler gab es erst ab 1985 - und zwar in dem eigentlich recht abgeschiedenen Rohr in Niederbayern. Wie kam man gerade auf diesen abgelegenen Marktflecken am Rande der Hallertau? Nun, einmal lebte da unsere damalige Ortsbetreuerin Maria Utz. Sie war die Initiatorin. Aber es gab noch weitere Verbindungen zu diesem Ort, besonders aber zu dem dortigen Benediktinerkloster, in dem dann auch unsere Treffen stattfanden:

Das Kloster war in früheren Zeiten ein Augustiner-Chorherren-Stift, das nach der Säkularisation völlig bedeutungslos geworden war. In dem einen Gebäude war die Volksschule untergebracht, das andere benützte ein Bauernhof. Die Kirche war ein schlichtes Dorfgotteshaus. Nach dem 2. Weltkrieg holte der Landrat des Kreises Rottenburg die Braunauer Benediktiner nach Rohr, weil er das Kloster wieder mit Mönchen besiedeln wollte. Mit ihnen blühten Kloster und Marktflecken auf und sind nun bekannt als geistiger und kultureller Mittelpunkt im ganzen Umkreis.

Alles, was man heute im Kloster Rohr vorfindet, wurde praktisch aus dem Nichts geschaffen. Es gab nicht einmal elektrisches Licht. Der verstorbene Abt Prokop holte Pater Roman Utz und seine Angehörigen, die alle aus Gießhübel/Adlergeb. stammen, nach Rohr. Und Pater Roman krempelte die Ärmel hoch und begann zu werkeln. Die Anfänge aus ganz primitiven Verhältnissen waren Ansporn für seinen Erfindergeist. In seiner Hand lagen Planung, Finanzierung und Bauaufsicht für den Konventbau entlang der Kirche, der Ausbau des Dachgeschosses, der Aus- und Erweiterungsbau des Westflügels, der Bau der Turnhalle mit Hallenschwimmbad und in den sechziger Jahren der Neubau des Gymnasiums als Südflügel. Altabt Dominik bestellte ihn als Lehrer des neuen Gymnasiums, zum Leiter des Seminars für Priesternachwuchs und als Cellerar des Klosters.


Benediktinerabtei Rohr/NdB

Während Pater Roman bis 1980 die Verantwortung für die gesamte Verwaltung des Klosters hatte, lag die Wirtschaftsleitung in den Händen seiner Schwester Maria Utz . Sie führte bis 1981, bis zum Tode ihres Bruders, zwei Küchen, kümmerte sich um das Personal, den Einkauf und vieles andere. Frau Hrusa, ebenfalls eine Schwester von Pater Roman und Maria Utz, versah bis zum Tode ihres Bruders mit 83 Jahren zusammen mit Tochter Mariechen und zwei weiteren Frauen noch immer den Schuldienerposten. Auch die drei Grimm-Schwestern (vom Grimm Schuster) befanden sich in Rohr und hatten Aufgaben im Klosterbereich.

So war es nicht verwunderlich, dass es Gießhübler nach Rohr zog und Maria Utz, seit 1984 Gemeindebetreuerin von Gießhübel, das Kloster in den Herbstferien als Ort für ein Treffen anbot.

Das 1.Treffen fand im Herbst 1985 statt, 50 Besucher kamen, mit den geladenen Gästen waren insgesamt 69 Personen zum Erzählen und zum Austauschen von Erinnerungen beisammen.

Ähnlich verlief das 2. Treffen ein Jahr später.

Bei dem 3. Treffen 1987 konnte man schon von einem richtigen Erfolg sprechen. 111 Personen im Alter von 89 ½ bis 1 ½ Jahren waren gekommen, sogar bis aus Mecklenburg, Hamburg und Bremen, aus Sachsen, aus der Schweiz und aus Irland. Es wurde erzählt, es wurden Erinnerungen ausgetauscht, Bilder aus alter und neuer Zeit wurden herumgereicht und angeschaut - und alle zusammen feierten einen gemeinsamen Gottesdienst und gedachten dabei auch der seit dem letzten Treffen verstorbenen Landsleute. Beeindruckend der Zusammenhalt nach mehr als vier Jahrzehnten Trennung!

Das 4. Treffen in Rohr vom 30.9.-2.10.1988 wurde zu einem schicksalhaften Treffen. Es war das letzte Treffen, das die damalige Betreuerin von Gießhübel, die Utza Mariela, vorbereitete und durchführte. Kurz danach verstarb sie. Bei nun schon 150 Teilnehmern gab es ein freudiges Wiedersehen.

Es gab eine offizielle Begrüßung im Prager Saal des Klosters . Als besondere Gäste waren anwesend und sprachen zu den Teilnehmern: Vom Kloster der H. H. Pater Prior, der Bürgermeister von Rohr, der Vorsitzende der Kreisgruppe Sudetendeutsche Landsmannschaft, der Vorsitzende für die Heimatlandschaft Adlergebirge und der Leiter des Archivs für das Adlergebirge in Waldkraiburg mit seiner Frau, der Leiterin unserer Geschäftsstelle. Letztere erschien auch zum anschließenden Gottesdienst in unserer Adlergebirgstracht. Den feierlichen Gottesdienst in der herrlichen Asam-Kirche des Stiftes Rohr zelebrierte der in Gießhübel geborene Stadtpfarrer von Pattensen, Ldm. Adolf Pohner, der auch eine beeindruckende Predigt hielt. Gesungen wurde die Schubert-Messe.

Angeboten wurden am nächsten Tag noch ein Dia - Vortrag über die Heimat und eine Führung durch die Kloster-Kirche. Im übrigen wurde erzählt, erzählt, erzählt...

Beim 5.Treffen in Rohr, vom 6.-8.10.1989, war der erste Tag ganz der Erinnerung der verstorbenen Maria Utz gewidmet. Es wurde ein Video vom Treffen des letzten Jahres gezeigt und man ging gemeinsam mit Pater Prior auf den Friedhof und legte mit Worten des Dankes ein Blumengebinde auf Marielas Grab. Im anschließenden Gottesdienst gedachte man der Toten und am nächsten Vormittag erfuhr man aus einem Bericht noch einmal von dem Leben und vielseitigen Wirken der Verstorbenen.

Danach stellte sich ihre Nachfolgerin Thea Frank vor, die durch ein Schreiben des Obmanns des Vereins der Adlergebirgler, der nicht persönlich anwesend sein konnte, eingeführt wurde. Geehrt wurde die hochbetagte Lehrerin Frau Martha Blaschke von den am 1. 9. 1939 Eingeschulten, deren erste Lehrerin sie war und die ihr 50jähriges feierten. Es folgte ein Reisebericht von einer Landsmännin, die an einer Busfahrt in die Heimat teilgenommen hatte und die in großartiger Weise Landschaft, Kirche, Friedhof, den Zustand von Straßen und Häusern usw. beschrieb, und es gab eine Dia-Vorführung über Gießhübel, die die Teilnehmer fast von Haus zu Haus führte.

Das 6. Treffen in Rohr fand vom 13.-15. 9.1991 statt. 132 Besucher wurden erfasst. Die Teilnehmer kamen aus allen Bundesländern Deutschlands (ausgenommen Saarland und Bremen), aus der Schweiz und aus Irland. 25 % der Besucher waren aus den neuen Bundesländern angereist, 72 % kamen aus der alten BRD, 3 % aus dem Ausland. 57 % waren "echte" Gießhübler (sie wohnten dort bis 1945/46). Das waren fast 18 % der 1991 noch lebenden Bevölkerung des Ortes. 13 % der Teilnehmer lebten früher in der Umgebung von Gießhübel (Sattel, Deschnei, Auerschim). 5 % kamen aus anderen Vertreibungsgebieten und 25 % waren begleitende Partner aus den verschiedensten Teilen Deutschlands.

Gezeigt wurden für Interessierte ein Video von der Einsegnung des renovierten Altars der Gießhübler Kirche vom 6. 10. 1990 und ein Video vom Sattler Jahrgangstreffen 1991 mit Landschaftsaufnahmen von daheim und von Ausflügen über die tschechisch-polnische Grenze. Es gab Gelegenheit, an einer Führung durch die Asam-Kirche des Klosters teilzunehmen. Informiert wurde über die bisherige Arbeit der Ortsbetreuerin für die Heimatgemeinde und über den Zustand und die Erhaltung unserer Kirchenanlage in Gießhübel. Beim Gottesdienst im Prager Saal wurde der Verstorbenen, der Kranken und Daheimgebliebenen gedacht und die Fürbitten beinhalteten den Wunsch nach Frieden und Versöhnung unter den Völkern.

Das 7. Treffen in Rohr vom 8.-10. 9.1995 war das vorerst letzte Treffen an diesem Ort. Die Ortsbertreuerin war erkrankt, die Leitung oblag Franz Czerny, einem der angereisten Teilnehmer, der allerdings zuvor vorsorglich die Ausrüstung für die Programmgestaltung bekommen hatte. Leider kamen nur 42 Besucher aus den verschiedensten Bundesländern und trafen nun auf so ein kleines Häuflein Interessierter. Die Treffen am Heimatort, die seit der Wende durchgeführt wurden, nahmen dem Treffen in Rohr nun wohl die Besucher. Auch fehlt vor Ort ein Organisator, von NRW aus, wo die derzeitige Gemeindebetreuerin wohnt, ist ohne Bezugsperson am Standort des Treffens alles sehr schwierig zu handhaben. Deshalb gibt es vorerst in Rohr keine weiteren Treffen.

T.F.